Wer bei Lieferservice nur an Pizza und mittelmäßige asiatische oder indische Imbisse denkt, ist heutzutage weit gefehlt. Lieferdienste auf Rädern sind so beliebt wie nie. Fahrradkuriere liefern den Hungrigen daheim Essen aus richtig guten Restaurants direkt nach Hause. Man ist, was man isst. Fancy, hip, gesund und trotzdem stylish soll es sein: nicht nur zu Tisch, sondern auch geliefert. Essen ist zum Lifestyle-Produkt geworden und geht über die bloße Nahrungsaufnahme weit hinaus: Wer essen geht, möchte etwas erleben. Die Location ist heute ein wichtiges Differenzierungsmerkmal und hat mittlerweile einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie das Look und Feel des bestellten Gerichts. Da scheint es kaum verwunderlich, dass Lieferservices in knalligen Farben schickes Essen nun bis ins eigene Wohnzimmer liefern.

Wer sich umguckt, wird in letzter Zeit optisch kaum an den Food Fahrern der neuen Bringdienste vorbei gekommen sein: pink gegen türkis liefert sich ein Rennen auf Rädern.

Die Marktführer vorgestellt: foodora und deliveroo

Das einstmalige Start-Up Volo wurde im Januar 2016 von Rocket Internet gekauft und in Foodora umbenannt. Rund 500 Berliner Restaurants kooperieren derzeit mit dem Lieferservice, darunter angesagte Läden wie das Daluma, Superfoods & Organic Liquids, Bun Bao oder Fast Rabbit. Das Start-Up ist mit der Geschäftsidee angetreten, das Essen per Bote auch in der gehobenen Gastronomie zu etablieren. Die gleiche Marktnische hat sich auch das 2013 gegründete Londoner Start-Up Deliveroo auf die Fahne geschrieben. Seit Juni 2015 macht der Lieferdienst in türkisfarbener Uniform die Hauptstadt satt und glücklich. Die Konzepte beider Start-Ups sind nahezu identisch und machen es Gastronomen leicht sich auf den Lieferservice einzulassen. Denn die Dienstleister kümmern sich um die gesamte Bestelllogistik: digitale Speisekarte, Bestellungseingänge per App und eine Auslieferung der Gerichte innerhalb von 30 Minuten sind im Paket enthalten. Das Geld leiten die Bringdienste anschließend an das entsprechende Lokal weiter – abzüglich einer je nach Vertrag individuell vereinbarten Provision, die in der Regel zwischen 30 bis 35 % des Bestellwertes beträgt. Darüber hinaus profitieren die Gastronomen von Gratis PR durch großflächige Werbeanzeigen beider Lieferdienste an reichweitenstarken Orten.
Gäste, die ihre Lieblingsgerichte lieber zu Hause genießen möchten, bestellen wiederrum online und wählen zwischen verschiedenen Zahlungsarten, die die Lieferservices anbieten.

Vorteile für Gastronomen

Das Konzept des Pizzaboten ist erst einmal nichts Neues, die Geschäftsidee, mit Essensbestellungen Geld über das Internet zu verdienen, genauso wenig. Bisher waren die Gastronomen jedoch gezwungen, die bestellten Gerichte selbst auszuliefern. Zu viel Aufwand, der sich für viele Restaurants schlicht nicht rentierte. Da Lieferdienste nun anbieten, diesen Teil der Arbeit auf sich zu nehmen, scheint sich die Zusammenarbeit für viele Gastronomen auszuzahlen: rund 1000 € Extra-Umsatz verbucht beispielsweise eine kleine Pizzeria in Berlin-Kreuzberg pro Monat. Die Umsatzsteigerung und Erhöhung des Bekanntheitsgrades durch den Lieferservice können jedoch auch Herausforderungen für die Gastronomen mit sich bringen. Oftmals reichen die Kapazitäten nicht aus, um den Restaurantbetrieb, die Gästeversorgung vor Ort und die zusätzlichen Außer-Haus-Gerichte zu vereinbaren. Längere Wartezeiten, mangelndes Zeitmanagement und unzufriedene Gäste sind mögliche Folgen der Doppelbelastung, die häufig nicht ohne zusätzliches Personal und damit verbundene weitere Kosten zu bewältigen ist.

Zuerst prüfen, dann entscheiden

Viele Gastro-Experten sehen zudem die Gefahr einer möglichen Abhängigkeit der Gastronomen von den Lieferservices, die ihre Position ausnutzen und die Provisionen in die Höhe treiben können. Gastronomen sollten deshalb genau prüfen, ob und zu welchen Konditionen ein Online-Bringdienst für sie unternehmerisch sinnvoll ist, bevor sie sich auf eine Zusammenarbeit einlassen. Nur so kann gewährleistet werden, dass beide Parteien von der Kooperation profitieren. Foodora und co. lohnen sich vor allem für Restaurants, die mit geringen Wareneinsätzen oder höheren Deckungsbeiträgen arbeiten. Rentabel sind die Bringdienste vor allem, wenn sie für den Gastronom ein Zusatzgeschäft bedeuten, sprich die Bestellungen über den Lieferservice zu anderen Zeiten erfolgen als der Restaurantbetrieb. Denn trotz der zusätzlichen Werbeplattform und einer möglichen Erschließung neuer Kundenkreise, ist die Branche sehr arbeitsintensiv und die Personalkosten hoch. Die meisten Gastronomen bieten ihre Gerichte über die Online-Bringdienste deshalb etwas teurer an als im eigenen Lokal. Die Befürchtung, dass die Lieferdienste den traditionellen Restaurantbesuch gefährden könnten, erweist sich hingegen als haltlos. Kein Lieferservice, so hip er auch sein mag, wird je den Mehrwert eines Essengehens im Restaurant ersetzen können. Die Gäste möchten weder auf das Ambiente, das Flair, die Location noch auf die Umsorgung eines aufmerksamen Services verzichten.

Auf die Plätze! Fertig! Los! Das Rennen um den besten Premium-Lieferservice ist eröffnet

Foodora ist in Deutschland in mittlerweile 19 Städten mit 2200 Restaurants vertreten, Deliveroo kooperiert mit mehr als 2000 Restaurants in sechs verschiedenen Städten, beschränkt seinen Lieferdienst jedoch ausschließlich auf Großstädte. Der Wettbewerb ist groß und die Konkurrenz schläft nicht: Lieferando, bisher lediglich eine Plattform für Restaurants mit eigenem Lieferservice, ist dabei seine eigene Kurier Flotte auszubauen, der Taxidienst Uber will seinen in Amerika bereits etablierten ubereats-Dienst zukünftig auch in Deutschland anbieten. Der Service soll zukünftig in 28 Staaten verfügbar sein und wolle, so Ubereats-Chef Jambu Palaniappan, von der Bekanntheit des Fahrdienstes profitieren, um über seinen ursprünglichen Geschäftszweig hinauszuwachsen.

Wer das Rennen um den besten Premium-Lieferservice für sich entscheiden wird?

Schwer zu sagen, aber im Internet-Zeitalter unserer Liefergesellschaft, in der sich jeder alles rund um die Uhr nach Hause oder ins Office liefern lässt, scheint ein Ende der Lieferdienste nicht in Sicht.
Gastronomen sollten dennoch genau abwägen, bevor sie sich für oder gegen eine Partnerschaft mit einem Online-Lieferdienst entscheiden, denn was für Dritte gut sein mag, muss nicht zwangsläufig auch für das eigene Restaurant funktionieren.

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